Ein Tag in der Sperrzone von Tschernobyl

Prypjat Tschernobyl Autoscooter
Autoscooter Anlage für die 1. Mai-Feierlichkeiten in Prypjat

 

Spätestens seit Craig Mazins HBO Miniserie "Chernobyl" ist der Run auf Touren im Sperrgebiet extrem hoch. Doch auch schon vor der Hollywood Verfilmung galten diese Touren als der Touristenmagnet der Ukraine. Etwa 70.000 Besucher sollen 2018 die Sperrzone besucht haben, darunter auch Marco und ich. Über das für und wider, warum man solche Orte besucht möchte ich hier nicht schreiben. Dazu gibt es einfach 10.000 Meinungen, die ich alle akzeptiere.

 

Tschernobyl Museum Kiew Kiev
Nationales Tschernobyl Museum in Kiew

Die am häufigsten gestellte Frage ist die nach der Sicherheit. Ja, das Sperrgebiet ist unsicher und gefährlich! Zumindest solange man sich unaufmerksam verhält. Denn die größten Gefahren stellen zerbrochenes Glas, nicht abgedeckte Schächte und sonstige Stolperfallen dar. Ihr betretet immerhin ein Gebiet, welches seit 33 Jahren mindestens einmal komplett umgekrempelt und mindestens 100-mal durch Vandalismus und Diebstahl verwüstet wurde. Aber die Strahlung!! Natürlich gibt es im Sperrgebiet Strahlung, wie überall auf der Welt auch. Man muss die Dosis nur einordnen und vergleichen können. Zu Beginn des Tagesausfluges wurde in Kiew eine Strahlungsintensität von 0,16 µSv/h gemessen. Dr. Walter Rüegg ist Kernphysiker und hat in einem Bericht über Tschernobyl Vergleichswerte herangezogen. In Rom hat er 0,2 µSv/h und in Asti 0,58 µSv/h gemessen. Im Sperrgebiet hatten wir Werte zwischen 0,1-0,2 µSv/h. Es gibt allerdings auch Hotspots mit 4 µSv/h, welche sich häufig auf Moos finden, da dieses Cäsium-137 begierig aufnimmt. Bei einem innereuropäischen Flug seid ihr einer vergleichbaren Strahlungsintensität ausgesetzt, wie bei den Hotspots. Es gibt natürlich auch lebensbedrohliche Bereiche, vor allem in unmittelbarer Nähe des Reaktors 4. ABER: Hier kommen normale Touristengruppen gar nicht hin.
Mein Fazit zum Thema Sicherheit: Wenn man sich ordentlich und mit gesundem Menschenverstand verhält, kann gar nichts passieren. Man sollte sein Gesicht nicht mit Moos pudern und in Flip Flops durch Lost Place Häuser wandern. Dinge, die man hier normalerweise auch nicht macht.

Tschernobyl Museum Kiev Polizei Krankenwagen Feuerwehr
Einsatzfahrzeuge vor dem Tschernobyl-Museum in Kiew

Zur Vorbereitung auf die Tour lohnt sich ein Besuch des ukrainischen Nationalmuseums Tschernobyl in Kiew. Das Museum hat bis auf Sonntag täglich von 10-18 Uhr geöffnet und stellt über 7000 Exponate zur Schau. Vor dem Haus werden auch zahlreiche Einsatzfahrzeuge aus den 80er Jahren ausgestellt. Das Museum befindet sich im Stadtteil Podil, welches durch zahlreiche Kirchen und Universitätsgebäude ganz nett anzusehen ist.

Unseren Tagesausflug in die Sperrzone haben wir bei ChernobylTravel gebucht, ein relativ neuer Anbieter, aber mit erfahrenen Guides. Es gibt noch andere zahlreiche Anbieter, welche auch bei der Google Suche viel weiter oben erscheinen. Im Oktober 2018 waren diese aber auf Grund unserer Kurzfristigkeit sehr teuer. ChernobylTravel bot uns die Tour mit gleichem Programm für etwa die Hälfte an (57 € statt 108 €). Aber auch hier scheint die Nachfrage gestiegen zu sein, denn Stand 07/2019 kostet eine Tour mittlerweile 89 €. Der günstige Preis hat natürlich auch ein paar Zweifel geweckt, aber die haben sich nicht ansatzweise erfüllt. Der Anbieter fordert eine Anzahlung per PayPal und der Rest wird bei Fahrtantritt bezahlt, hat auch alles super geklappt. Ebenfalls vorab müssen die Reisepass Daten korrekt übermittelt werden, da diese vor Eintritt in die Sperrzone behördlich geprüft werden.

Tschernobyl Tour Mercedes Sprinter Kiew
Beginn der Tour im luxuriösen Mercedes Bus

Die Tour selber startete am 26. Oktober 2018 um 7:30 Uhr an der Roten Universität in Kiew. Der Treffpunkt an diesem regnerischen Morgen war zum Glück nur wenige hundert Meter von unserem Hostel entfernt. Dort wartete bereits ein super moderner Mercedes Sprinter Bus in nobler Ausstattung, sowie die beiden Guides (deren Namen ich leider vergessen habe, aber sie waren super!). Mit uns sind nur vier Schweden noch mitgefahren. Ein riesiger Vorteil gegenüber den großen Gruppen, da wir so schnell und ohne großes Warten von Ort zur Ort fahren konnten – immer den großen Anbietern voraus. Auf uns wartete eine 130 km lange Fahrt, bei der zur Zeitüberbrückung eine Doku über die Katastrophe lief (auf Englisch). Auf halber Strecke wurde noch ein Zwischenstopp an einer Tankstelle eingelegt. Hier konnte man, fall noch nicht geschehen, sich nochmal jeder mit Verpflegung eindecken. Kurz vor 10 Uhr sind wir dann am Checkpoint angekommen. Hier werden die Listen der Teilnehmer gecheckt. Das ganze dauert etwa 15-20 Minuten und soll natürlich auch zum Kauf von Souvenirs anregen, welche sich aber alle in Sachen Kitsch übertreffen. Wie bereits erwähnt waren wir eine kleine Gruppe. Das Sammeln nahm nur sehr wenig Zeit in Anspruch und somit konnten wir als erste in das Rennen um die besten Spots starten. Ich muss  zugeben, dass die Anspannung anstieg. Auch wenn ich wusste, dass es kein extrem gefährlicher Ort ist, ist er dennoch besonders. Nach etwa 15minütiger Fahrt hielten wir an einem ersten verlassenen Dorf. Hier haben wir den ersten Hotspot auf dem mit Laub bedeckten Boden gemessen. Von dem Ort selber sind nur eine Handvoll Gebäude mehr oder weniger erhalten geblieben, darunter ein Kulturhaus mit Saal und ein Wohnhaus aus Holz. An einem ausgeschlachteten Auto konnten wir gleich feststellen, dass sich in der Sperrzone nichts halbwegs Wertvolles von den eigentlichen Eigentümern finden lassen wird. 

Tschernobyl Ortsschild
Typisches sowjetisches Ortseingangsschild der Stadt Tschernobyl

Unser Guide erzählte uns, dass mit dem Fall der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre hier ein Paradies für Schatzsucher, Vandalen und bestechliche Polizisten herrschte. Diese wilden Jahre verleihen dem Gebiet heute diesen apokalyptischen Charme. Nächster Halt war die Stadt Tschernobyl. Hier war ich dann doch etwas geflasht. Wenn man nicht wüsste, was wenige Kilometer entfernt passiert ist, könnte man denken man befindet sich in einer ganz normalen ukrainischen Kleinstadt. Es gibt zahlreiche bewohnte Wohnblocks, eine Post, Kneipen, Kioske, Einkaufsmöglichkeiten und sogar Hotels. Ganz so normal ist es aber dann doch nicht, denn man sieht auf den breiten Straßen der Stadt keine Kinder spielen oder Frauen beim gemütlichen tratschen bei einer Tasse Kaffee. 99% der Menschen hier sind Männer und diese Arbeiten im Sperrgebiet. Meist sind sie für drei Wochen am Stück hier. Neben den Arbeitern haben wir auch erste Samosely (=Selbstsiedler/Rückkehrer) gesehen. Etwa 250 sollen in der Zone leben, aber so ganz genau weiß das keiner da sie nicht registriert sind. Ein Grund zur Rückkehr finde ich nachvollziehbar: Die meisten Menschen im Umland von Tschernobyl lebten auf Gehöften und von der Landwirtschaft. Im Rahmen der Evakuierung wurden viele in Plattenbauten in der Großstadt einquartiert. Von einem Leben auf dem Land über Nacht in eine 70 m² Wohnung haben viele nicht verkraftet. Auch soll die Akzeptanz der Nachbarn auf Grund von Unwissenheit über die Strahlung nicht sehr groß gewesen sein. So zogen nur wenige Monate nach der Katastrophe viele Bewohner, trotz Verbot, zurück.

Die Stadt Tschernobyl wurde von unserem Guide als großes Sowjetmuseum bezeichnet. Zwar wurden einige Gebäude saniert, aber nahezu nichts neugebaut. Auch findet sich hier die letzte Lenin Statur auf ukrainischen Boden wieder. Die Zeit scheint 1986 stehengeblieben zu sein.

Duga 1 - Raketenüberwachungsstation Tschernobyl
Duga 1 - Raketenüberwachungsstation Tschernobyl

 

Das nächste Ziel der Tour war Duga 1 – tief versteckt im Wald. Hier konnten wir sogar einen Wolf erspähen. Duga 1 war lange Zeit für die westliche Welt ein Mysterium und selbst den Einheimischen unbekannt. Dieses riesige, 150 Meter hohe, Stahlungetüm war das Schutzschild der Sowjetunion. Denn mit dieser Anlage konnten Interkontinentalraketen aus einer Entfernung von bis zu 9000 km erspäht werden, bei einer Luftlinie von Tschernobyl bis New York von 7500 km. Eine weitere Anlage befand sich am Pazifik, somit konnte der gesamte Luftraum der USA überwacht werden. Kamen die Amerikaner auf die Idee eine Rakete loszuschicken, bestand für die Sowjets genügend Zeit zum Gegenstoß. Der Standort für diese Anlage erscheint logisch, da das nahegelegene Atomkraftwerk sowieso erhöhte Sicherheitsvorkehrungen besaß und somit für Spione nur schwer zugänglich war. Der Besuch dieser Anlage ist definitiv ein Highlight und sollte unabhängig vom Anbieter der Tour unbedingt Bestandteil sein.

Nach Duga 1 führt die Tour nach Kopatschi, einen der ersten Orte der evakuiert wurde. Der Kindergarten in dieser Stadt ist ebenfalls Bestandteil der meisten Touren und soll ebenfalls das apokalyptische Flair anheizen. Da Marco und ich auch als Geocacher in Lost Place Gebäuden unterwegs sind, tritt dieser Effekt bei uns nicht ein. Wir versuchen uns eher als Hobbyfotographen, wie fast alle in der Gruppe.

Reaktor 5 & 6, die Bauarbeiten wurden nach der Katastrophe gestoppt
Reaktor 5 & 6, die Bauarbeiten wurden nach der Katastrophe gestoppt

Nachdem wir Kopatschi hinter uns gelassen haben, fuhren wir weiter in nördliche Richtung und erspähten am Horizont das Kraftwerk mit den zahlreichen Nebenanlagen, Kühlseen und Kanälen. In unmittelbarer Nähe befinden sich moderne Atommülllagerstätten und Aufbereitungsanlagen. Es ist erstaunlich wie viele tausend Arbeiter hier tagtäglich beschäftigt und auch hungrig sind. Letzteres sind wir mittlerweile auch. Da kommt es ganz gelegen, dass ein Besuch einer Kantine in unmittelbarer Kraftwerksnähe obligatorisch ist. Bevor gegessen werden kann, muss eine Schleuse passiert werden. Schlägt diese Alarm, muss der Betroffene Hände schruppen und es erneut probieren. Irgendwie erscheint dieses Prozedere als Touristengag, denn die Arbeiter und Guides umgehen dieses. Das Essen ist spottbillig und beinhaltet eine Vorsuppe, Salat, Hauptgericht, Getränk und ein Dessert. ABER: Es schmeckt nicht. Es ist eine nette Atmosphäre zwischen den Arbeitern Mittag zu essen, nochmal würde ich es allerdings nicht machen und lieber etwas rund um die Kantine herumstromern. Nicht weit entfernt davon sieht man die Bauruinen der Reaktoren 5 und 6. Die Arbeiten daran stoppten ebenfalls abrupt im April 86. Mit dem Fall der Sowjetunion waren die finanziellen Mittel für einen Weiterbau nicht gegeben.

Nach der Stärkung fuhren wir einmal um das Kraftwerksgelände zum offiziellen Observation Punkt. Hier steht man nur noch 100 m vom Sarkophag bzw. dem vierten Reaktor entfernt. Die neue Schutzhülle war bei unserem Besuch bereits über das Kraftwerksgebäude geschoben wurden. Laut unserem Guide befinden sich am Dach der Hülle Kräne, die das alte Reaktorgebäude abtragen sollen. Der dabei aufwirbelnde radioaktive Staub wird durch die neue Hülle aufgehalten. Nachdem wir dieses riesige Bauwerk begutachtet haben, fuhren wir Richtung Prypjat. Dabei streiften wir auch den Roten Wald, welcher nordwestlich vom Reaktor liegt. Hier konnten wir weitere Hotspots messen. Forscher fanden jetzt heraus, dass stark verstrahlte Blätter und Bäume sich nicht bzw. nur ganz langsam zersetzen. Am Rande des Roten Waldes befindet sich auch das berühmte Prypjat Ortsschild. Kurz danach mussten wir noch einen Checkpoint passieren, der eigentlich Plünderer verhindern soll. Aber dieser scheint in der Vergangenheit nicht sonderlich effektiv gearbeitet zu haben.

Wegweiser nach Prypjat
Wegweiser nach Prypjat

 

Eine breite Allee, so wie ein Waschbär begrüßte uns in Prypjat. Das Paradies für Hobbyfotografen. Unser erstes Ziel war der Kulturpalast mit dem stolzen Namen Energetik. Unser Guide hatte auf seinem Tablet viele Fotos von vor 1986. Ein Großteil der 50.000 Bürger aus der sowjetischen Vorzeigestadt wurde nach Slawutytsch evakuiert. Diese Stadt wurde extra dafür aus dem Boden gestampft und beheimatete bis zur endgültigen Kraftwerksschließung im Jahr 2000 vor allem Arbeiter des Kernkraftwerkes. Heute arbeiten von den 25.000 Einwohnern weniger als 3000 in der Sperrzone. Um einen enormen Wegzug und sozialen Problemen vorzusorgen, wurde die Stadt per Gesetz als Sonderwirtschafszone deklariert. Damit sollen Unternehmen angelockt werden.

Vom Kulturpalast spazierten wir über Trampelpfade und heruntergebogene Zäune zum "Vergnügungspark", welcher für die 1. Maifeierlichkeiten geplant war. Das Riesenrad und die Autoscooteranlage sind die wohl berühmtesten Fotomotive der Stadt. Anschließend ging es über die Sportyvna Straße in das Avanhard Stadion. Bis auf die alte Hauptribüne erkennt man davon aber leider nicht mehr viel. Für uns Fußballfans aber natürlich trotzdem ein kleines Highlight. Beheimatet war hier der FC Stroitel Prypjat. Stroitel steht für "Erbauer", was passend erscheint für eine Stadt die es erst mit der Vereinsgründung gab. Über die laubbedeckten Straßen, vorbei an verlassenen Neubaublöcken, liefen wir zur nächsten sportlichen Stätte. Das Lazurny Schwimmbad, was auch eine Turnhalle beinhaltet, war das nächste Ziel. Dieses soll illegalerweise noch drei Jahre nach der Katastrophe in Betrieb gewesen sein. Angeblich um die Liquidatoren von der gefährlichen Arbeit abzulenken. Leider hat auch hier die Zerstörungswut sehr gewütet. Keine einzige Fensterscheibe befindet sich noch im Rahmen. Nur wenige Meter weiter befindet sich die Mittelschule Nummer 3, in dessen Hof sich durch das viele Moos ein weiterer Hotspot radioaktiver Partikel gegründet hat. Dass betreten dieses Innenhofes ist strengstens verboten. In der Schule selber ist allerdings keine erhöhte Strahlung festzustellen. Wir hatten einige Zeit das Gebäude selber zu erkunden. Marco und ich nutzten das gleich, um einen Blick vom Dach auf die Stadt zu werfen. Ansonsten findet man im Gebäude allerlei schöne Relikte der sowjetischen Schulbildung. Auch hier findet sich ein berühmtes Fotomotiv wieder: Die Kindergasmasken. Das sieht sehr beängstigend aus, aber man muss klarstellen, dass diese Masken niemals zum Einsatz kamen. Zwei Varianten kamen mir für die Anordnung der Masken zu Ohren:

1. Ein Fotograph soll in einer Nacht und Nebel Aktion diese verstreut haben, für das perfekte apokalyptische Motiv.

2. Buntmetalldiebe haben die Silberplättchen aus den Masken gestohlen. Vermutlich stimmt sogar beides.

Lazurny Schwimmbad in Prypjat
Lazurny Schwimmbad in Prypjat

Eigentlich ist das Betreten der Häuser seit dem Jahr 2018 verboten. Die Guides weisen darauf hin, besichtigen aber dennoch mit uns die berühmtesten Gebäude. Wir hatten auch noch die Chance abseits der touristischen Trampelpfade ein Neubaublock zu besichtigen, auf eigene Faust. Da ich als Kind in solch einen gewohnt habe, kamen Erinnerungen an unser altes Wohnzimmer hoch, statt Abenteuerlust wie bei den anderen Teilnehmern. Leider war danach das Abenteuer Prypjat auch schon wieder vorbei. Auf der einen Seite viel zu schnell, aber irgendwie ist man mittlerweile auch etwas abgestumpft gegenüber Lost Place Häusern. Bevor es aus der Sperrzone endgültig zurück nach Kiew ging, hielten wir noch einmal in Tschernobyl Stadt. Hier besuchten wir auf Wunsch von Marco das Mahnmal der Feuerwehrleute, da er auch selber einer ist. Weiterhin stand noch der Besuch eines kleinen Supermarktes (eher Tante Emma Laden) auf dem Programm, in welchem noch ganz klassisch per Rechenschieber gerechnet wird! Mit einem Bierchen aus Tschernobyl (nein, das wurde dort nicht gebraut – nur erworben) und leicht schlummernd ging es auf die Rückfahrt, inklusive Feierabendverkehr im Speckgürtel von Kiew.

Liebe Grüße aus Kiew
Liebe Grüße aus Kiew

 

Eine Frage wurde mir im Nachhinein mehrmals gestellt. Warum wird in Fukushima die Sperrzone jährlich reduziert, in der Ukraine darf aber immer noch im Umkreis von 30 km niemand (offiziell) wohnen? Tatsächlich ist die Evakuierungszone in Japan bereits um 30% geschrumpft, nur sechs Jahre nach der Katastrophe. Es gibt dafür zwei hauptsächliche Gründe:

1.) Das Know-How und die technische Ausrüstung ist um ein vielfaches besser als zu Sowjetzeiten. Japan und die Ukraine haben auch auf kurzen Wege Informationen ausgetauscht.

2.) Der größte Anteil von radioaktiven Staub fiel auf da offene Meer. Rund um Tschernobyl gibt's das nicht.

3.) Die Ukraine hat eine Bevölkerungsdichte von 71 Einwohnern pro km². Japan bietet 333 Einwohnern pro km² Platz. Das bedeutet, dass die Ukraine diesen Platz einfach nicht benötigt. Die finanziellen Aufwendungen für ein Gebiet was fast niemand benötigt sind viel zu groß. Japan dagegen ist eine Insel mit 126 Mio. Einwohnern, die benötigen nutzbare Flächen einfach überall. Entsprechend schnell werden die Gebiete dort dekontaminiert.

Fazit: Schon lange habe ich mich mit Tschernobyl beschäftigt, nahezu alle der 100 verschiedenen NTV Reportagen habe ich gesehen. Seit dem ich weiß, dass man dieses Gebiet besichtigen kann, wuchs der Wunsch danach. Umso geflashter war ich, als wir den Checkpoint zur Sperrzone erreicht hatten. Alles an Informationen und Bildern habe ich in mir aufgesogen in den nachfolgenden Stunden. Auch Wochen danach war dieser Trip das Highlight der ganzen Reise. Im Detail muss ich allerdings sagen, das man das ein oder andere verlassene Dorf weglassen könnte um mehr Beachtung auf das Kraftwerk lenken zu können. Klar ist das für die Guides schwierig. Die einen wollen die typischen Fotos machen, die jeder dort macht. Andere sind extrem Technikinteressiert, andere wiederum wollen das Abenteuer suchen. Hier hat unser Guide eine gute Mischung gefunden und für einen Tagestrip ein ausgewogenes Programm zusammengestellt. Mich würde auf jeden Fall ein erneuter Besuch reizen, diesmal aber mit mindestens zwei Tagen.


Vergleich Ein- und Zweitagestouren

 Am häufigsten werden ein- oder zwei Tagestouren gebucht. Diese unterscheiden sich grundsätzlich nicht viel voneinander. Einige Anbieter haben auch speziellere Touren im Programm (z.B. Schwerpunkt sowjetische Militäreinrichtungen, speziell nur Kraftwerk,…). Hier sollen nur die Unterschiede der Standardtouren verglichen werden, was euch bei der Planung etwas helfen kann. Es gibt sogar Touren bis zu sieben Tage.

 

Gruppengröße:

 Prinzipiell ist es egal, bei welchem Anbieter man die Tour bucht. Man kann Glück haben und trifft auf eine kleine Gruppe wie wir. Andere Busse waren voll besetzt, das stell ich mir etwas nervig vor. Bei dem Hype durch die neue Serie, wird ersteres vermutlich bei 1-Tages Touren nicht eintreten Die Wahrscheinlichkeit bei Mehrtagestouren auf kleinere Gruppen zu treffen ist bestimmt höher. Viele Anbieter bieten auch Privattouren an, oftmals mit der Möglichkeit nach einem individuellen Programm – gegen Aufpreis natürlich.

 

Programm 1 Tag vs. 2 Tage:

Das Eintagesprogramm wird in diesem Bericht ausführlich beschrieben. Wir haben mehrere Busse von anderen Touranbietern fast den ganzen Tag "im Rücken" gehabt. Hier und da gab es geringe Abweichungen, aber das dürfte grob gleich sein.

Bei einem mehrtägigen Ausflug wird vor allem die Zeit in Prypjat gestreckt. Hier kann noch ein Kino, Krankenhaus, alte Fabriken, Supermarkt, der Hafen uvm. angesehen werden. Einige Touren besuchen auch die Baustelle der Reaktoren 5 und 6. Dabei kann ein Kühlturm von innen besichtigt werden. Ein Besuch einer Aussiedlerin ist ebenfalls oft im Programm. Am meisten würde mich würde mich eine ausgedehntere Besichtigung der Radaranlage Duga-1 interessieren.

 

Die Übernachtung erfolgt meist in einem der drei Hotels in Tschernobyl. Im gesamten Sperrgebiet ist übrigens ab 22 Uhr Ausgangssperre, also darf man sich auf kein aufregendes Abendprogramm einstellen.

++ Update 18.10.2019 ++

Seit Oktober 2019 dürfen Touristen auch offiziell den Kontrollraum im Reaktor 4 besichtigen. Hier nahm das Atomunglück seinen Lauf. Bisher war dieser Bereich nur Forschungsgruppen zugänglich. Der Staub in diesem Raum ist stark kontaminiert, daher sind strengere Regeln und ein Schutzanzug obligatorisch. Prüft bei der Buchung genau, ob der Raum bereits im Programm enthalten ist!

Preise:

 

Verschiedene Anbieter, verschiedene Preise. Diese variieren auch nach Auslastung und Kurzfristigkeit der Buchung.
1-Tag: ca. 80 – 120 €
                     
2-Tage: ca. 220 – 280 €

Sprache:

 

Fast alle Touren sind in Englisch verfügbar.

Einige Anbieter:

 

Anbieter

1 Tages Tour

2 Tage

Spezial- oder Privattouren möglich

chernobyltravel.net

89 €

250 €

Ja

Soloeast

99 €

299 €

Ja

chernobylwel.com

119 €

279 €

Ja

chernobyl-tour.com

99 €

222 €

Ja

 



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