Mit dem Zug in die Ukraine

Warum macht man das?

Diese Frage habe ich mehrfach gehört, vor allem am Schalter der Deutschen Bahn.  Oft konterte ich mit einer Gegenfrage: Warum nicht? Ich weiß allerdings nicht genau, ob die Zugfahrt das Problem war oder das Ziel? Für mich allerdings beides nicht sehr ungewöhnlich. Aber ein Zugreiseexperte war ich bis dahin auch noch nicht, waren doch bisher die längsten Strecken Prag, Warschau oder mit dem Wochenendticket nach Rostock mit Halt an charmanten Bahnhöfen wie Großkorbetha, Leuna Werke Süd und Roitzsch. Als Kind habe ich liebend gerne mit meinem Vater Eisenbahn Romantik auf SWR geschaut. Damals haben mich die roten Diesellokomotiven der Baureihe 130 schon mehr gereizt als uralte Dampfloks. Beste Voraussetzungen für eine Reise in den Osten Europas, doch von vorn:

 

 

Angefangen hat mein Unterfangen mit einem Fotowettbewerb über Erasmus Auslandssemester. Ohne große Erwartungen kam dabei überraschend Platz 1 heraus, einhergehend mit einem 15 tägigen Interrail Ticket. Die Freude war natürlich riesig, vor allem da ich mich sofort an eine Doku aus den 70ern über das Ticket zurückerinnerte. Die Vorfreude trübte sich aber bei der Planung der Reise. Denn von 15 Tagen, darf man nur an fünf Tagen reisen. Für Trips nach Frankreich, Spanien und Portugal ist das sicherlich kein Problem, denn auf diesen Strecken kann man riesige Entfernungen sehr schnell überbrücken und entsprechend viele Länder sehen. Meine Interessen liegen aber im Süd- bzw. östlichen Europa. Dort kann man gerne mal einen ganzen Tag im Zug verbringen für wenige hundert Kilometer. Da ich die Möglichkeit hatte den Gewinn einzutauschen, verscherbelte ich das Ticket und legte das Geld für eine individuelle Reise zurück. 2018 war wegen meiner Masterarbeit und diversen Nebenjobs eng gestrickt. So erwies es sich als Glücksfall (nicht aus finanzieller Sicht), dass mein zukünftiger Arbeitgeber mich nicht im Oktober, sondern erst im November einstellen konnte. Ein zusätzlicher Monat frei, fast kein Geld, aber Lust auf Reisen zu gehen. Ukraine! Here we go! Und das natürlich mit dem Zug. Die nachfolgende Planung war die kurzfristigste aller Zeiten, noch viel spontaner war aber Marco, dem ich von meinen Plänen erzählte und wenige Stunden später hatte er grünes Licht von seiner Frau. Merci, Chérie! 

Von Erfurt nach Warschau

PKP Intercity Warszawa Warschau Poznan Posen Frankfurt Berlin
Fahrplan EC 44

Am Sonntag, den 21. Oktober begann früh am Morgen die Fahrt am Erfurter Hauptbahnhof und endete bereits wenige hundert Meter abrupt. Natürlich hatten wir einen Zeitpuffer in Berlin zum Umstieg eingeplant, aber riesig war der auch nicht. Glücklicherweise ging etwa 15 Minuten später die Fahrt problemlos weiter und wir erreichten rechtzeitig Berlin per ICE. Letztendlich hätten wir auch noch etwas länger in Erfurt rumstehen können, denn der Berlin-Warszawa-Express wurde heute mit einer einstündigen Verspätung bereitgestellt. Von Erfurt nach Warschau gibt es die Karten ab 45 € zum Sparpreis, der Flexpreis beträgt 129,80 €. Die Fahrzeit beträgt etwas mehr als acht Stunden (von Berlin sechs Stunden). Der Eurocity war mir bereits bestens bekannt, da ich Warschau per Zug bereits besichtigt hatte. Diese Verbindung ist sehr zu empfehlen. Der Komfort im Abteilwagen mit 6er Personenkabinen ist gut und ich kam bei beiden Fahrten immer mit Leuten ins Gespräch. Vor allem der Speisewagen ist legendär, da hier noch richtig Pfannen und Kochtöpfe zum Einsatz kommen. Entsprechend gut besucht ist dieser Wagen in den folgenden sechs Stunden. Im Eurocity nach Polen ist gegen Aufpreis auch die Fahrradmitnahme gestattet.  Größter Zwischenhalt ist Poznan, weitere sechs kleinere Orten und die drei Warschauer Bahnhöfe Zachodnia, Centralna und Wschodnia. Fahrkarten gibt es für diese Verbindung am DB Schalter oder auf bahn.de.

 

In Warschau ging es dann Schnurstracks vorbei am Kulturpalast, dem wohl bekanntesten Fotomotiv Warschaus, zu unserem Hostel. Als Unterkunft diente uns das New World St. Hostel für schmale 8 € im 10er Schlafsaal. Ein bisschen klein und eng, aber dafür in sehr guter Lage und für eine Nacht ausreichend. Das Hostel befindet sich in einem Hinterhof am Beginn der Nowy Swiat Straße, eine der sehenswertesten Straßen der Stadt. Glücklicherweise befand sich direkt daneben die Kneipe "Pijalnia wódki i piwa", die es in mehreren größeren polnischen Städten gibt. Rund um die Uhr geöffnet und perfekt zum Vorglühen oder absacken mit leckeren Soplica Haselnuss. Anschließend wurde im Schnelldurchgang Marco die Altstadt näher gebracht. Leider litt Warschau sehr unter dem Zweiten Weltkrieg, aber glücklicherweise entschlossen sich die Stadtplaner den Altstadtkern nach alten Plänen weitestgehend wieder aufzubauen. So finden sich dort kaum architektonische Fehltritte der Nachkriegszeit. Am nächsten Morgen besuchten wir per Mietauto den Geburtsort meines Opas, welcher 30 km nordwestlich von Warschau gelegen ist. Eine spannende Fahrt für mich, bei der jedes Detail des Ortes fotografisch für ihn festgehalten wurde. Tipp: Der Mietwagen für ein Tag kostete unter 20 €. Viele Vermieter (auch internationale) haben allerdings in der Innenstadt keine festen Stationen und vereinbaren einen Treffpunkt an einen der Bahnhöfe. Die Verständigung erfolgt dann meist in Englisch. Auch zur Abgabe wird dann ein Termin und Ort ausgemacht. 

Von Warschau nach Kiew – Fahrkarten und Verbindungen

Nachtzug Kiew Warschau Eisenbahn
Schlafwagen Warschau - Kiew

Nach der kleinen Entdeckungstour mussten wir uns noch die Karten für den Nachtzug nach Kiew besorgen. Für viele Verbindungen im Ausland können Karten bei der Deutschen Bahn gekauft werden, für diese Verbindung aber leider nicht (obwohl es da verschiedene Angaben im Netz gibt, ging es bei uns am Schalter in Erfurt nicht).

Folgende zwei Möglichkeiten zum Kartenerwerb kann ich euch empfehlen:

 

1. Mindestens 7 Tage vor Fahrtantritt: Online 

2. Fahrkartenschalter in Warschau

 

Die erste Variante ist sicherlich die bequemste und für Leute die gerne Planungssicherheit haben die beste. Eine Voraussetzung ist allerdings, dass ihr frühzeitig bucht, da der Anbieter ein paar Tage zum Versand oder der Hinterlegung benötigt. Die Zustellung per UPS ist relativ teuer (ca. 30 €), aber ihr könnt die Karten auch zum Hostel/Hotel oder in ein Büro im Warschauer Stadtzentrum senden lassen (ca. 4-5 €). Polrail.com ist auch für andere nationale und internationale Verbindung sehr empfehlenswert, da auch der Service passt und zügig antwortet. Karten können ca. 45-60 Tage vor Fahrtantritt erworben werden.

Für uns war dieser Service leider zu kurzfristig und wir mussten auf die Variante am Schalter ausweichen. Da ich selber gerne eine hohe Planungssicherheit möchte, hatte ich natürlich etwas Bammel wegen des begrenzten Platzangebotes. Für umgerechnet 57 € (247 PLN) pro Person haben wir eine Fahrkarte in einem Dreierabteil erstanden. Doppelabteile gibt es für ca. 66 € und Einzelabteile für rund 110 €. Die Bahnmitarbeiterin am Schalter konnte nur sehr spärlich Englisch, trotz extra Schalter für internationale Karten. Empfehlenswert ist das Gespräch mit jüngeren zu suchen, die dann auch gerne beim Übersetzen helfen.

 

Der sogenannte Kiev Express fährt täglich. Es gibt einen Tagzug und den von uns gewählten Nachtzug. Der Tagzug (hier ist auch ein Print@Home Ticket möglich), fährt von 07:35 bis kurz vor 24 Uhr und benötigt ca. 16 Stunden. Bei dieser Verbindung ist ein Umstieg in Przemyśl Główny, dem letzten Bahnhof auf polnischer Seite, notwendig. Der Nachtzug startet um 17:05 Uhr und kommt um 11:03 Uhr Ortszeit in Kiew an. Ein Umstieg ist nicht notwendig und führt über eine etwas andere Route. Letzter Halt ist in Chełm auf polnischer Seite. Danach wird bis Kiew durchgefahren.

Von Warschau nach Kiew – die Fahrt

Eisenbahnromantik Polen Ukraine Zug Abteil
Eisenbahnromantik mal anders

Leider bestätigte die Kartenverkäuferin unsere Information über ein fehlendes Bordbistro. Daher muss man sich dringend vorab eindecken. Das kann man sehr gut im Bahnhof, denn Geschäfte, Supermarkt und Imbisse gibt es dort reichlich. Am Einstieg in den Zug wurden wir von der Provodniza (Schaffnerin) begrüßt. Sie nahm uns die Fahr- und Bettkarten ab und führte uns zu unserem Abteil. Ihre Englischkenntnisse waren nicht die Wucht, aber man konnte sich gut und ausreichend verständigen. Da die Doppelabteile bereits ausgebucht waren, durften wir uns in den völlig überhitzten Wagon mit Ivan das Abteil teilen. Ivan konnte etwas deutsch und war bereits seit einem Tag von Deutschland mit seinem riesigen, mit Folie umwickelten, Koffer unterwegs. Sein Ziel war Odessa an der ukrainischen Schwarzmeerküste. Ivan, Marco und ich waren uns schnell einig, dass wir auf Grund unserer Rucksäcke, seines Koffers, sowie der Hitze hier für die nächsten 18 Stunden nicht wohlfühlen werden. Die Provodniza verstand das ebenfalls und Ivan zog auch zu seiner Zufriedenheit in ein leerstehendes Abteil. Nachdem Sie alle Reisende ihres Abteils zugewiesen hatte, begann Sie mit der Versorgung ihrer Schützlinge. Kaffee oder Tee gibt’s gratis, sowie einen kleinen Snack. Danach hatten wir genügend Zeit um unsere Unterkunft gemütlich einzurichten. Als wichtigste Utensilien dienten kurze Hose und Badelatschen. Die Wagen werden noch ganz klassisch mit Öfen geheizt und da meinte es jemand offensichtlich sehr gut. Gleich vorab: Dieser Ofen war für mich der größte und einzige Kritikpunkt an der Fahrt. Bis zum Fahrgestellwechsel zog ein unheimlicher Gestank in unser Abteil. Zum Glück führte die Fahrt dann in die andere Richtung.

Gespannt war ich auch, wie man so eine lange Fahrt übersteht. Siegt die Langeweile? Nervt man sich, wenn man so lange auf engsten Raum zusammen ist? Aber, nichts davon ist eingetreten. Die Nostalgie über diesen wunderbaren Zug ließ uns schwärmen. Weiterhin kann man sich immer die Füße vertreten und schauen wie die Stimmung in den anderen Wagen so ist. Ein Großteil der Mitfahrer war vermutlich aus der Workingclass und genügte sich mit Schlafen und Rauchen. Letzteres ist offiziell verboten, aber wurde in den Übergängen zu den anderen Wagons frei praktiziert. Vor der Fahrt habe ich noch fleißig Playlisten bei Spotify offline verfügbar gemacht. Somit hatten wir die ganze Fahrt musikalische Untermalung. Beachtet, dass die Ukraine nicht zur EU gehört und somit Roaming/Mobile Daten dort sehr teuer sind. So tranken wir leckeres polnisches Dosenbier, spielten Karten, hörten Musik und quatschten über Gott und die Welt, oder einfach nur über unsere Provodniza.

Nachdem Chełm, der letzte polnische Bahnhof, passiert ist wird die Ruhe etwas gestört. Zuerst fährt der Zug in Schrittgeschwindigkeit nach Jagodin, dem ersten ukrainischen Bahnhof. Hier sammelten grimmig dreinschauende Grenzbeamte die Pässe ein. Info: Für die Ukraine ist kein Visum notwendig. Zur Einreise wird ein Reisepass benötigt, der Personalausweis reicht nicht! Nach etwa 45 Minuten war die Kontrolle in Jagodin beendet. Somit war nun die Zeit zur Umspurung gekommen. Von 1435 mm wird auf 1524 mm umgespurt. In der Umspurhalle ist fotografieren strengsten verboten, obwohl dort kein Hexenwerk vollbracht wird. Die Wagen werden in die Halle gedrückt und die Haltebolzen der Drehgestelle entfernt. Dummerweise war der Zugang zu einem der Bolzen direkt unter meinen Bett, womit wir 2 Uhr nachts Besuch eines "freundlichen" Bahnmitarbeiters hatten. Anschließend werden die Wagen ca. 1,5 m nach oben gedrückt, damit die Wagengestelle weg geschoben werden können. Gleichzeitig werden die Breitspurgestelle eingezogen. Wagen runter, Bolzen unter meinem Bett wieder rein und fertig ist das Schauspiel. Das ganze Prozedere, inklusive Passkontrolle, dauert allerdings drei Stunden. Für uns Eisenbahn Romantiker natürlich sehr interessant, aber für die Pendler sicherlich äußerst störend. Gegen drei Uhr, als die Fahrt endlich weiter ging, überkam auch uns die Müdigkeit. Das Bettzeug ist im Preis inbegriffen, war in Folie verpackt und hat somit den Anschein erweckt, frisch aus der Wäscherei zu sein. Der Schlaf im Nachtzug hat mir sehr gut getan. Durch das gleichmäßige ruckeln des Zuges wiegt man sich wie ein Baby in den Schlaf.  Das erste Mal öffnen sich meine Augen gegen halb 8 und ich erblicke die vorbeirauschenden Baumwipfel, verziert mit Regen und grauen Wolken. Perfekte Bedingungen um sich erneut umzudrehen. Das Treiben auf dem Gang nimmt langsam zu. Zähne werden geputzt, die Katzenwäsche praktiziert oder einfach nur eine geraucht. Das Tageslicht lässt erstmal die ukrainische Flora, Fauna und kleinere Dörfer erblicken. Fünf Minuten vor dem Fahrplan erreichten wir den Hauptbahnhof von Kiew. Jetzt nur noch mit drei Schlafwagen der ukrainischen Eisenbahngesellschaft. Die der polnischen verbleiben auf deren Staatsgebiet.

 

Zu Ende ist nun eine unvergessliche Reise, dessen Charme sich nur schwer wiedergeben lässt. Das Gefühl im Zug aufzuwachen, in einem neuen Land zu sein war großartig. Unsere Reise endete natürlich nicht am Bahnhof in Kiew. Weiter geht’s hier [Charkiw].

Tipps für die Ankunft am Kiewer Bahnhof

Hauptbahnhof Kiew Ukraine
Hauptbahnhof Kiew

Nicht erschrecken! Als wir die Bahnhofshalle verlassen haben, stand uns ein riesiger grauer Berg aus Beton gegenüber. Verschärft durch etwas diesige Sicht Ende Oktober war das ein ernüchternder Anblick auf Kiew. Aber lasst euch von diesem ersten Anblick nicht abschrecken, die Stadt ist unglaublich bunt und schön!

Esst im Katyusha Varenichnaya schräg gegenüber vom Bahnhof. Das Haus ist mit Werbung zugepflastert und dürfte nicht übersehen werden. Im Inneren ist es aber total urig, mit alten Exponaten. Das versprüht Sowjetcharme! Es gibt typische russische / osteuropäische Kost für einen schmalen Taler. Achtung: Die Toiletten sind zum Hocken (ohne Keramiktoilette), was ansonsten in der Ukraine sehr selten vorkam.

In dem Gebäude des Restaurants befindet sich eine Wechselstube. Prinzipiell meide ich diese Buden, da ich immer das Gefühl habe abgezockt zu werden. Ich habe mir vorher ausgerechnet, was ich bekommen müsste und habe das auch tatsächlich bekommen. Von daher kann ich diese empfehlen!

Im Bahnhof befindet sich ein Vodafone Shop. Hier könnt ihr euch für ca. 3 € eine Mobile Daten SIM Karte kaufen, welche ein Monat gültig ist und keine Datenvolumenbegrenzung hat. Allerdings ist das Vodafone Netz nur in den Städten gut ausgebaut. Sobald wir Kiew verlassen haben, war der Empfang meist weg.

 

Wer auf einen Anschlusszug warten muss, kann auf dem nahegelegenen Markt die Zeit bei der Schnäppchensuche verplempern. Von Lebensmitteln, gefälschten Klamotten bis Haushaltswaren und Kittelschürzen findet man hier allerlei schöne Dinge, welche oft direkt aus Schiffscontainern verkauft werden.

Nützliche Links:

Für die Zugrecherche unerlässlich: 

Für Zugreisen nach Polen und darüber hinaus:


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