Bijelo - Brijeg - Stadion in Mostar

HSK Zrinjski Mostar Wappen Logo

HSK Zrinjski Mostar 1:0 FK Sarajevo

22.10.2016 / Premijer Liga / 13. Spieltag /

Bijelo-Brijeg-Stadion

Zuschauer: 3.500

Mostar - Bosnien & Herzegowina

FK Sarajevo Wappen Logo

Mostar Stari Most
Mostar Stari Most Kaffee Coffee

Heute sollte ein lang ersehnter Traum in Erfüllung gehen, ein Besuch der wunderschönen Stadt Mostar in der Herzegowina. Die Anreise nach Bosnien habe ich mir relativ entspannt vorgestellt. Abends in den Bus, etwas schlafen und am nächsten Morgen ohne Umstieg am Ziel wieder raus. In der Theorie machbar, aber die Routenplaner haben jedes mögliche Dörfchen mit einbezogen und somit hielt der Bus alle 20 Minuten, inklusive Durchsage und einmal die komplette Festbeleuchtung an. Doch die Strapazen lohnten sich, denn ich konnte nahe der Altstadt eine kleine Ferienwohnung beziehen, für lächerliche 15 Euro pro Nacht und die Oma der Vermieterin bot mir auch noch selbstgebackenen Burek an. Und wie es sich für eine richtige Oma verhält, war ein freundliches Ablehnen keine Option. Mein erster Eindruck: Mostar ist mehr als die Stari Most, mehr als die türkisblaue Neretva. Mostar ist vor allem eins: Nicht durch eine Brücke getrennt. Die Stari Most ist wunderschön, aber fälschlicherweise wird sie gern als Synonym für die Trennung genutzt. Die geografische Trennung der Ethnien liegt ein Stück weiter westlich, an der ehemaligen Frontlinie „Boulevard“. Hier sind immer noch die stark zerschossenen Häuser und Wunden sichtbar. Doch die tatsächliche Trennung ist die enorme Sturheit, sowie Machtbesessenheit der Politiker. Denn seit Jahren kann sich auf kein Wahlrecht geeinigt werden, wodurch auch nicht gewählt werden kann. So verlängert das Stadtparlament einfach selbstständig die Mandate. Da sich die kroatische HDZ und die bosniakische SDA spinne feind sind, kann auch seit Jahren kein Haushalt beschlossen werden. So stellen einfach beide Seiten einen Bürgermeister und es wurde tatsächlich geschafft, dass für eine 100.000 Einwohnerstadt zwei Stadtwerke, zwei Telefongesellschaften, zwei Postdienste, Tourismusbüros usw. gegründet werden. Hat man es da auf einen der begehrten Posten geschafft, ist man natürlich bestrebt den Status Quo so lange wie möglich zu erhalten.

Mostar Stadion
Mostar Stadion Flutlicht

Die Trennung traf auch den Fußball hart und die Geschichte zeigt, dass es bisher nur Verlierer gab. Der 1905 gegründete kroatisch geprägte Verein Zrinjski war die längste Zeit seiner Vereinsgeschichte verboten. Der andere große Club aus Mostar „Velež“ verlor aufgrund des Krieges seine Heimat, das „Bijeli-Brijeg-Stadion“. Weil es auf der anderen Seite des Boulevards, im kroatisch geprägten Westteil der Stadt, liegt. In genau diesen westlichen Teil zog es mich am heutigen Nachmittag, da das Spitzenspiel des bosnischen Fußballs auf dem Plan stand: HŠK Zrinjski Mostar gegen FK Sarajevo. Da mir die Altstadt frühzeitig zu voll wurde, hatte ich genügend Zeit mir die Gegend rund ums Stadion anzuschauen. Selbst hier oben auf dem weißen Hügel, nach welchem die Sportstätte benannt ist, finden sich dutzende Einschusslöcher an den Fassaden. Da werten die zahlreichen großflächigen Fußballgraffitis die Häuser auf. Das Stadion wurde 1971 erbaut und fasste zu Jugo-Zeiten über 35.000 Zuschauer, welche hier zahlreiche internationale Spiele von Velež bestaunen konnten (u.a. gegen Lok Leipzig und Borussia Dortmund). Wie schon angedeutet, ordnete der Krieg die Aufteilung der Ethnien innerhalb der Stadt neu. Da sich nach dem Fall Jugoslawiens auch Zrinjski wieder gründen durfte und dies auch tat, fühlten sich sofort alle Kroaten der Stadt diesem Verein zugehörig. Da das Stadion im neuen kroatischen Viertel lag, beanspruchte auch der kroatische Verein das weite Rund für sich, was Velež sprichwörtlich das Genick brach. Das Stadion ist heute extrem heruntergekommen, versprüht aber aufgrund der riesigen Haupttribüne und dem dort gebotenen Blick über Mostar viel Charme. In einem abgegrenzten Bereich auf dieser dürfen die Gäste aus Sarajevo Platz nehmen. Etwa 200 Schlachtenbummler traten die Reise an und durften aufgrund von Polizeiwillkür das Stadion erst kurz vor der Halbzeit betreten. Lange konnten sie die Aussicht auch nicht genießen, denn in Bosnien ist es üblich, dass die Gäste etwa 10 – 15 Minuten vor Abpfiff aus dem Stadion geschmissen werden. Ein „interessantes“ Gegenmodell zur sonst üblichen Blocksperre.

Zrinjski Mostar Ultras Pyro Stadion Bijelo Brijeg Stadion
Zrinjski Mostar Ultras Pyro Stadion Bijelo Brijeg Stadion Horde Zla Sarajevo

Mehr Zeit zum Fußball schauen genoss dagegen die Heimseite. Auf Facebook wurde von seitens des Vereins ein volles Stadion angestrebt, läuft es doch sportlich mehr als gut für die Truppe. Platz 1 in der Liga als amtierender Meister. Den Aufruf folgten aber dennoch nur 3500 Zuschauer, was nur 800 mehr als im Durchschnitt bedeutet. Seit 1994 wird der Verein durch die Ultras Zrinjski unterstützt. Hervorgegangen sind sie aus einer Organisation, die versuchte so viele Fans wie möglich zu den „Heimspielen“ nach Imotski in Kroatien zu bringen, denn in dieser Stadt fanden die ersten Spiele des Neugegründeten Vereins statt. Die Ultras waren die ersten, welche ihrer Mannschaft zu einem Spiel ins feindliche Territorium nach Sarajevo folgten. Für die meisten heute unvorstellbar, aber der Krieg war noch nicht sehr lange vorbei und der Hass zwischen Muslimen und Kroaten vielerorts noch sehr groß. Dieser entlud sich z.B. auch während der EM im Jahr 2008. Kroatien traf auf die Türkei und nach dem Spiel kam es zu heftigen Auseinandersetzungen hunderter Jugendlicher in Mostar. Offizielle Freundschaften pflegen sie nicht, sind aber bei allen kroatischen Fanclubs aufgrund der kriegerischen Ereignisse hoch angesehen. Positiv anzusehen war auch der heutige, etwa 300 Mann starke Ultra Haufen, welcher traditionell auf der kleinen Gegengerade angesiedelt ist. Die Zaunbeflaggung war nicht weltbewegend, aber einfach ist manchmal auch mehr. Was an Fahnen gespart wurde, konnte durch eine 100 prozentige Mitmachquote wettgemacht werden. Garniert mit einer Ladung bunten Rauch zogen die Jungs ihr Ding ganz ordentlich durch. Das 1:0, welches zum Sieg reichte, wurde dann nochmal mit reichlich Fackeln und Böllern gefeiert. Nach dem Spiel ging es wieder in Richtung Osten zu meiner Unterkunft. Erneut wurde ich von der Oma zum Essen gezwungen… Gibt natürlich schlimmeres, als feinste Balkankost zum Nulltarif. Mostar wurde am folgenden Tag noch ausführlicher begutachtet, jedes Museum besichtigt und immer wieder fielen die gleichen Sätze: Die Stadt ist nicht mehr geteilt. Ich muss zugeben, dass ich diesen Worten irgendwann Glauben schenkte… Zumindest bis zur Abfahrt am Sonntagabend aus dem östlichen (muslimisch geprägten) Mostar mit einem Bus, auf welchem eine große Kroatienflagge aufgeklebt war. In den letzten Minuten meines Aufenthalts kam noch eine Flasche an unseren Bus geflogen und jegliche Worte über ein friedliches Miteinander waren vergessen. Man kann nur hoffen, dass die Stadtoberen ihre Machtbesessenheit zügig aufgeben und die Stadt gemeinsam nach vorne bringen, vielleicht können auch dann die Gräben innerhalb der Bevölkerung und vor allem der Jugend überwunden werden.


Kommentare: 0